088 Zwischen Salz und Stuckmarmor

Die Kunst des Bewahrens im Kloster Neuzelle

Die barocke Klosterkirche in Neuzelle. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Abblätternde Farbe, feine Risse und verborgene Spuren vergangener Jahrhunderte: Restaurator:innen untersuchen historische Oberflächen, entschlüsseln ihre Geschichte und entwickeln Methoden, um wertvolle Kunstwerke für die Zukunft zu bewahren. Wie anspruchsvoll diese Arbeit ist, zeigt sich am Beispiel der barocken Vorhalle der Stiftskirche St. Marien im Kloster Neuzelle. Hier werden aufwendige Wandmalereien und Stuckmarmorflächen konserviert und restauriert.

In der aktuellen Folge der DENKMALZEIT geben Professor Mechthild Noll-Minor, Referatsleiterin für Restaurierung und Bauforschung am Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum, und die Restauratorin Dr. Dorothee Schmidt-Breitung Einblicke in ihre Arbeit. Sie erklären, welche Schäden die Kunstwerke bedrohen, wie moderne Untersuchungsmethoden helfen und wie sich der Restaurator:innen-Beruf entwickelt hat.

Baubesprechung der Restaurator:innen mit einem Verteter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Oder-Spree. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Die Vorhalle empfängt die Besucherinnen und Besucher mit aufwendigen Wandmalereien und Stuckmarmor. Sie stimmt auf den Kirchenraum ein und erzählt von der religiösen Bedeutung des Klosters. Zugleich verweist die Architektur auf eine ältere Geschichte: Hinter der barocken Gestaltung sind Teile der mittelalterlichen Bausubstanz bis heute erhalten. Künstlerische Einflüsse aus Italien und Böhmen prägen das besondere Erscheinungsbild der katholischen Klosterkirche. Über Jahrzehnte drang Feuchtigkeit in das Mauerwerk ein. Dadurch gelangten Salze an die Oberfläche, deren Kristallisation die empfindlichen Farbschichten und den Stuckmarmor beschädigt. Abblätternde Malereien, weiße Ablagerungen und sich lösende Oberflächen zeugen von den Schäden. Bevor die aktuellen Arbeiten beginnen konnten, wurden die Schäden systematisch erfasst, Musterflächen bearbeitet und ein Restaurierungskonzept entwickelt. Die Maßnahmen erfolgen nun schrittweise in mehreren Bauabschnitten.

Die „Restaurierungswerkstatt“ in der Vorhalle der Kirche. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Ein wichtiger Unterschied: Konservierung dient dem Erhalt der originalen Substanz, Restaurierung verbessert die Lesbarkeit der Kunstwerke. Fehlstellen werden behutsam geschlossen, ohne die historischen Malereien großflächig nachzumalen. Ziel ist es, die Authentizität der Kunstwerke zu bewahren und auch ihre Altersspuren als Teil ihrer Geschichte sichtbar zu lassen. Moderne Untersuchungsmethoden helfen dabei, die verschiedenen historischen Schichten zu unterscheiden. Aufnahmen mit ultravioletter und infraroter Strahlung sowie multispektrale Bildverfahren machen frühere Übermalungen und schwer erkennbare Bilddetails sichtbar. Auch innovative Materialien kommen zum Einsatz: Spezielle Kompressen nehmen Salze aus den empfindlichen Oberflächen auf.

Eine Wandpartie in der Vorhalle. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Neben den Schäden spielen Temperatur und Luftfeuchtigkeit eine entscheidende Rolle. Seit 2017 werden Klimadaten erfasst, um die Prozesse im Mauerwerk besser zu verstehen. Zudem wird geprüft, ob ein Windfang den Einfluss des Außenklimas auf die Vorhalle verringern kann. Gleichzeitig müssen die Arbeiten mit dem Gottesdienstbetrieb und dem touristischen Besucherverkehr abgestimmt werden. Drei Bauabschnitte sind bis Ende 2027 vorgesehen.

Links

Kloster Neuzelle

Stiftskirche St. Marien

Museum Himmlisches Theater

Europäischer Tag der Restaurierung am 18. Oktober 2026

067 Barockes Hollywood in Brandenburg

Zehn Jahre Museum Himmlisches Theater im Kloster Neuzelle

Der Eingang zum Himmlischen Theater. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Himmlisches Wetter, himmlische Reden und himmlisches Theater: Ein „europaweites Unikat“ feiert im Kloster Neuzelle Jubiläum. Vor 10 Jahren wurde das Museum Himmlisches Theater eröffnet, das seitdem jeweils zwei Szenen der barocken Passionsdarstellungen des Heiligen Grabs der Öffentlichkeit präsentiert. In dieser Folge der DENKMALZEIT haben wir uns in die barocken Festivitäten gestürzt, den himmlischen Reden gelauscht, das Depot besucht, mit Wegbegleiter:innen des Museums gesprochen und zum Schluss göttlichen Beistand gesucht und gefunden.

Prof. Dr. Thomas Drachenberg bei seiner Rede aus Anlass des Jubiläums im Museum Himmlisches Theater. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Stiftung Stift Neuzelle, Norbert Kannowsky, sprachen für die Fördermittelgeber Brigitte Faber-Schmidt, Abteilungsleiterin Kultur im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Landeskonservator und stellvertretender Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums, Prof. Dr. Thomas Drachenberg, sowie Veit Kalinke als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oder-Spree und stellvertretend für die Ostdeutsche Sparkassenstiftung bei einem Festakt vor den aktuell ausgestellten Szenen “Gebet am Ölberg” und “Dornenkrönung Jesu”. Ein weiterer Höhepunkt war die Vorstellung des Szenenmodells durch die Denkmalpädagogin und Restauratorin Dr. Dorothee Schmidt-Breitung, die auch gleichzeitig ein neues Vermittlungsmodell präsentierte. Einblicke in das Depot erhielt man durch die versierten und spannenden Führungen von Prof. Mechthild Noll-Minor vom BLDAM.

Restaurierung der Kulissen in Wünsdorf – unter Vollschutz. Foto: M. Noll-Minor, BLDAM

Seit 2015 werden die Neuzeller Passionsdarstellungen im Museum Himmlisches Theater präsentiert. Die aufwendige Konservierung der nahezu 275 Jahre alten Holz- und Leinwandkulissen und Figuren bedarf großer Expertise. Die Konservierungsarbeiten werden von der Stiftung Stift Neuzelle und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Wünsdorf koordiniert. Heute sind noch 229 Elemente der ursprünglich wohl 240 Tafeln und Leinwände erhalten. 14 Szenen vom „Gebet am Ölberg“ bis hin zur „Grablegung Jesu“ erzählen, ergänzt durch eine Auferstehungsszene, in fünf Bühnenbildern das Leiden Jesu und bestechen durch ihre barocke Opulenz. Dabei wird jede Station der Passion Christi durch eine Figurengruppe in Bühnenbildern dargestellt. Die weiteren Figuren- und Figurengruppen kommentieren das Geschehen oder Erzählen andere Geschichten aus dem Alten und dem Neuen Testament, die mit der Passionsszene korrespondieren.

Das Bühnenbild „Palast“. Foto: M. Noll-Minor, BLDAM

Der böhmische Künstler Johann Felix Seyfried schuf das Heilige Grab um 1751 im Auftrag des Klosters Neuzelle. Es ist mit einem besonderen Wortreichtum an Bibelzitaten ausgestattet. Das Bild- und Wortmaterial richtete sich – in einem protestantischen Umfeld – sowohl gegen die reformatorische Sicht der Eucharistie als auch gegen aufklärerisches Gedankengut. Auch heute noch zählt das Heilige Grab zu den bedeutendsten Kunstwerken im Kloster Neuzelle sowie im Land Brandenburg.

Seit dem 16. Jahrhundert wurden in der Karwoche und zur Osterliturgie vor allem in Süddeutschland und im Alpenraum Theaterarchitekturen in Kirchen aufgestellt, die den Leidensweg, die Grablegung und die Auferstehung Jesu Christi illustrieren sollten. Diese Heiligen Gräber oder Ostergräber wurden nicht für Passionsspiele genutzt, sondern dienten ausschließlich der Verinnerlichung, der Betrachtung und dem Gebet. In seinem Erhaltungszustand und der Größe der Kulissen hat das Neuzeller Heilige Grab ein Alleinstellungsmerkmal und zählt zu den sakralen Kunstwerken von europäischem Rang.

Weiterführende Links:

Kloster Stift Neuzelle

Zisterzienserkloster Maria Friedenshort

Seenland Oder-Spree

Museum Utopie und Alltag Eisenhüttenstadt

Plattform kulturelle Bildung

Kulturland Brandenburg

Kultur- und Denkmalförderung des Landes Brandenburg