Jugendliche gestalten Erinnerungskultur in Ravensbrück
Zitat von Anna Seghers an der Gedenkwand im Eingangsbereich der 1959 eröffneten Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Foto: C. Krauskopf, BLDAM
Geschichte hinterlässt Spuren – manche sind auf den ersten Blick sichtbar, andere liegen im Boden verborgen. Im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück haben Schüler:innen eines Leipziger Gymnasiums gemeinsam mit Wissenschaftler:innen genau nach diesen Spuren gesucht. Dabei ging es nicht nur um archäologische Funde, sondern auch um die Frage, wie Erinnerungskultur heute gestaltet werden kann.
Die Leiziger Jugendlichen im Ausgrabungsschnitt. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM
Im Rahmen der „Aktion Schöpfung bewahren“ verbrachten Jugendliche aus Leipzig zwei Wochen in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, um den historischen Ort kennenzulernen und aktiv mitzugestalten. Dabei ging es nicht nur ums Zuhören und Lernen, sondern vor allem ums Mitmachen.
Plan und Text der von den Leipziger Jugendlichen gestalteten Informationsstele zu Baracke 32. Foto: C. Krauskopf, BLDAM
In der ersten Woche entwickelten die Jugendlichen eine neue Informationsstele für die ehemalige Baracke 32. Sie macht die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen sichtbar und hilft Besucherinnen und Besuchern, die Geschichte dieses Ortes besser zu verstehen.
Die Informationsstele zu Baracke 32. Foto: C. Krauskopf, BLDAM
Anschließend wurde es praktisch: Gemeinsam mit Archäolog:innen und Grabungstechnikern des BLDAM beteiligten sich die Jugendlichen an Ausgrabungen im Bereich der sogenannten „Nacht-und-Nebel-Baracke“ 32. Dabei wurde schnell deutlich, dass Archäologie weit mehr ist als das Freilegen von Funden – sie macht Geschichte greifbar und eröffnet neue Perspektiven auf einen Ort, dessen Vergangenheit bis heute bewegt.
Interviews und Gespräche mit:
Schülern eines Leipziger Gymnasiums, Dr. Andrea Genest (Leiterin Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück), Prof. Dr. Franz Schopper (Direktor des BLDAM und Landesarchäologe) sowie Katharina Malek-Custodis (Dezernatsleiterin Bodendenkmalpflege und stellvertretende Landesarchäologin).
Archäologisches Workcamp in der Gedenkstätte Ravensbrück
Blick über das Untersuchungsareal im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM
Weite Flächen, brüchiger Beton und Vogelgezwitscher und mittendrin eine Gruppe von internationalen Freiwilligen. Welche Bedeutung hatte das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Boden? Wie wurde der 80. Jahrestag der Befreiung in Ravensbrück begangen? Wie wird die Gedenkstätte von Besucher*innen wahrgenommen? Und darf man in einem ehemaligen Konzentrationslager ausgraben? In dieser Folge der DENKMALZEIT begleiten wir – mit Unterstützung von Eva Gutensohn vom radio dreyeckland – einen Tag lang das einwöchige archäologische Workcamp in der Gedenkstätte Ravensbrück bei ihren Untersuchungen und Dokumentationen auf dem Gelände, unterhalten uns mit den Teilnehmenden, der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Dr. Andrea Genest, und der Dezernatsleiterin Archäologische Denkmalpflege am BLDAM, Katharina Malek-Custodis.
Freigelegter Bereich der Baracke 32. Foto: A.-M. Graatz, BLDAM
Die Idee des Projektes ist es, dass die zeitgeschichtliche Archäologie zusammen mit der Geschichtswissenschaft in Gedenkstätten praktische Anwendung findet und so durch den partizipativen Ansatz, bei der archäologischen Dokumentation ein Zugang für junge Erwachsene zum Thema geschaffen wird. Ausgegraben oder wie Katharina Malek-Custodis sagt „archäologisch dokumentiert“, wird die Baracke 32, eine so genannte „Nacht- und Nebelbaracke“ (s. unten), deren Steinfußboden per Zufall bei gärtnerischen Arbeiten während eines anderen Workcamps entdeckt wurde. Die Archäologin berichtet davon, dass nach dem Ende des Krieges generell zahlreiche Akten vernichtet wurden und Archäologie manchmal die einzige Wissenschaft ist, die Vergessenes wieder zurück ans Tageslicht befördern kann. Dr. Genest ergänzt, dass das gesamte Gelände vom Überlappen zweier Zeitschichten geprägt ist, der Zeit des Nationalsozialismus und der Phase der Um- und Nachnutzung der Roten Armee. So verwundert es auch nicht, dass „große“ Funde ausblieben, manchmal ist kein Fund auch ein Ergebnis. In der zeitgeschichtlichen Archäologie kann es von sehr großer Bedeutung sein, nichts zu finden, weil bestimmte Bereiche beräumt wurden, um alles in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch im nächsten Jahr soll die Zusammenarbeit zwischen dem BLDAM und der Gedenkstätte Ravensbrück fortgeführt werden und ein weiteres archäologisches Workcamp die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers untersuchen. Mitmachen können Interessierte jeden Alters!
Dokumentationsarbeiten: Unter dem Betonboden, der während der Nutzung durch die Rote Armee angelegt wurde, sieht man den Ziegelboden aus der Zeit des nationalsozilistischen Terrorregimes. Foto: C. Krauskopf, BLDAM
Was genau gefunden wurde, hören Sie hier:
Podcastfolge mit Übersetzung der englischsprachigen Interviews
Podcastfolge ohne Übersetzungen (teilweise auf Englisch)
Überblick über die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers
In Ravensbrück bei Fürstenberg wurde 1939 das größte deutsche Frauen-Konzentrationslager errichtet. 1941 wurde ein Männerlager, 1942 das „Jugendschutzlager Uckermark“ angegliedert. Von 1939 bis 1945 wurden 120.000 Frauen, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche des „Jugendschutzlagers Uckermark“ als Häftlinge registriert, sie stammten aus mehr als 30 Nationen. Zehntausende wurden ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager und rund 2.000 zurückgelassene kranke Häftlinge. Viele starben später an den Folgen der KZ-Haft. Nach Kriegsende nutzte die sowjetische Armee große Teile des ehemaligen Konzentrationslagers. Seit 1948 bemühten sich Überlebende und die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, den Bereich um das Krematorium als Gedenkort zu erhalten. Die 1959 gegründete Mahn‑ und Gedenkstätte Ravensbrück ist seit 1993 Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (SBG). 2013 eröffnete die Gedenkstätte im Beisein von Überlebenden die neue Dauerausstellung „Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück – Geschichte und Erinnerung“.
Der „Nacht- und Nebel-Erlass“
Am 7. Dezember 1941 erging ein „Führererlass“, der die Inhaftierung von politischen Gegnern, besonders aus dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime und die Besetzung von Nachbarländern, regelte. Danach wurden rund 7.000 des Widerstands verdächtige Personen aus zahlreichen europäischen Ländern verschleppt. Man verurteilte sie heimlich, behielt sie aber auch bei erwiesener Unschuld in Haft, ohne dass die Angehörigen irgendwelche Auskünfte erhielten. Das war der „Nacht- und Nebel“-Charakter der Aktion, der der Einschüchterung dienen sollte. Auch im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück waren Opfer des Erlasses inhaftiert. Die Inkraftsetzung des Erlasses durch das Oberkommando stellt eines der Kriegsverbrechen der Wehrmacht und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.